Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung sind es nicht die Assistenzsysteme, die Ihr Leben bei einem unvermeidbaren Aufprall retten, sondern die unerbittliche Physik der passiven Sicherheit in den ersten 150 Millisekunden.

  • Die Überlebenschance hängt direkt von der koordinierten Abfolge von Energieabsorption (Karosserie), Rückhaltung (Gurtstraffer) und Dämpfung (Airbag) ab.
  • Die Integrität dieser „Überlebenskette“ ist bei Gebrauchtwagen in der Schweiz das grösste, oft unerkannte Risiko.

Empfehlung: Machen Sie die geprüfte passive Sicherheit zum unumstösslichen Kriterium Nr. 1 bei jedem Autokauf und misstrauen Sie dem Vermerk „ab MFK“ als einzigem Qualitätsmerkmal.

Stellen Sie sich einen Moment vor, in dem alles zu spät ist. Der Notbremsassistent hat versagt, das Ausweichmanöver war unmöglich – der Aufprall ist unausweichlich. In diesem Augenblick, in dem die viel beworbene aktive Sicherheit an ihre Grenzen gestossen ist, übergeben Sie Ihr Schicksal vollständig an eine andere Instanz: die passive Sicherheit. Dies sind keine intelligenten elektronischen Helfer, sondern brutal ehrliche physikalische Gesetze, die in der Struktur Ihres Fahrzeugs verankert sind. Die landläufige Meinung konzentriert sich oft auf die Vermeidung von Unfällen, doch als Crash-Sicherheitsexperte weiss ich: Die wahre Lebensversicherung offenbart sich erst, wenn die Vermeidung gescheitert ist.

Viele Autofahrer glauben, dass mehr Airbags automatisch mehr Sicherheit bedeuten oder dass ein modernes Auto per se sicher ist. Doch das ist eine gefährliche Vereinfachung. Die passive Sicherheit ist eine präzise, in Millisekunden ablaufende Choreografie, eine Überlebenskette, bei der jedes Glied – Knautschzone, Sicherheitszelle, Gurtstraffer, Gurtkraftbegrenzer und Airbag – perfekt auf das andere abgestimmt sein muss. Fällt nur ein einziges Glied aus, bricht die gesamte Kette. Laut dem aktuellen Sicherheitsbarometer der BFU verunfallen in der Schweiz nach wie vor täglich Menschen schwer oder tödlich, was die Relevanz dieser mechanischen Schutzengel unterstreicht.

Dieser Artikel blickt hinter die Marketingversprechen der aktiven Sicherheit und dekonstruiert die entscheidenden 150 Millisekunden eines Aufpralls. Wir werden die physikalischen Prinzipien des Energie-Managements einer Karosserie entschlüsseln, die dramatische Entwicklung der passiven Sicherheit in den letzten 20 Jahren aufzeigen und Ihnen ein entscheidendes Werkzeug für den Gebrauchtwagenkauf in der Schweiz an die Hand geben: die kompromisslose Integritätsprüfung. Denn wenn es zum Äussersten kommt, zählt nicht, wie intelligent Ihr Auto ist, sondern wie gut es die Gesetze der Physik zu Ihrem Schutz beherrscht.

Dieser Leitfaden führt Sie durch die entscheidenden Aspekte der passiven Fahrzeugsicherheit, damit Sie verstehen, was im Ernstfall wirklich zählt und wie Sie die Sicherheit Ihres Fahrzeugs realistisch einschätzen können.

Warum nur die Kombination aus Airbag, Gurt und Knautschzone 90% Überlebenschance bei 70 km/h garantiert?

Die hohe Überlebenschance bei schweren Unfällen ist kein Zufall, sondern das Resultat einer perfekt synchronisierten Systemkette. Jedes Element spielt seine Rolle in einem Sekundenbruchteil, und nur ihr Zusammenspiel verhindert katastrophale Verletzungen. Man spricht hier von der Überlebenskette: Zuerst die Knautschzone, dann der Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer und schliesslich der Airbag. Die Annahme, ein Airbag allein sei ein Lebensretter, ist ein fataler Irrtum. Ohne den Sicherheitsgurt, der den Körper abbremst und positioniert, kann ein Airbag selbst schwere bis tödliche Verletzungen verursachen.

Die Physik dahinter ist eindeutig: Bei einem Aufprall muss die immense kinetische Energie des Fahrzeugs und seiner Insassen kontrolliert abgebaut werden. Die Knautschzone leistet die Vorarbeit, indem sie sich gezielt verformt und einen Grossteil der Aufprallenergie schluckt, bevor diese die steife Fahrgastzelle erreicht. Gleichzeitig zieht der Gurtstraffer den Sicherheitsgurt blitzartig straff, um den Körper fest in den Sitz zu pressen und die „Vorverlagerung“ zu minimieren. Der Gurtkraftbegrenzer sorgt dann dafür, dass die auf den Brustkorb wirkenden Kräfte ein kritisches Mass nicht überschreiten. Erst dann, wenn der Körper durch den Gurt maximal verzögert wurde, entfaltet sich der Airbag als weiches Kissen, um den Kontakt mit Lenkrad oder Armaturenbrett zu verhindern.

Diese Kaskade ist der Grund, warum keines dieser Systeme optional ist. Die Wirksamkeit ist synergistisch. Eine Studie zeigt, dass allein der Sicherheitsgurt die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Ausgangs um 45% reduziert, doch erst in Kombination mit den anderen Systemen wird das volle Schutzpotenzial erreicht.

Das Versagen nur eines dieser Elemente, beispielsweise durch unsachgemässe Reparaturen nach einem früheren Unfall, macht das gesamte System wirkungslos und verwandelt eine potenziell überlebbare Situation in eine tödliche Falle.

Wie absorbiert eine moderne Karosserie bei 50 km/h die Energie eines Aufpralls in 0,1 Sekunden?

Die Fähigkeit einer modernen Karosserie, Aufprallenergie zu absorbieren, ist eine Meisterleistung des Material- und Ingenieurwesens. Es geht nicht einfach darum, „stabil“ zu sein. Vielmehr handelt es sich um ein ausgeklügeltes Energie-Management, bei dem verschiedene Zonen des Fahrzeugs unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Das Grundprinzip lautet: aussen weich, innen hart. Die äusseren Bereiche, die sogenannten Knautschzonen an Front und Heck, sind so konstruiert, dass sie sich bei einem Aufprall gezielt und definiert verformen. Diese Verformung ist pure Physik in Aktion: Die Umwandlung von Bewegungsenergie in Verformungsenergie baut einen Grossteil der zerstörerischen Kräfte ab, bevor sie die Insassen erreichen.

Im Herzen des Fahrzeugs befindet sich hingegen die hochfeste Fahrgastzelle. Sie ist der Überlebensraum und muss unter allen Umständen ihre Form behalten, um die Insassen vor Intrusionen zu schützen. Um diese extreme Stabilität zu erreichen, setzen Ingenieure auf einen intelligenten Materialmix. Anstelle von normalem Stahl werden hier ultrahochfeste, oft formgehärtete Stähle oder sogar mit Kohlenstofffasern verstärkte Kunststoffe verwendet. Diese Materialien sind extrem widerstandsfähig, aber auch leicht, was wiederum die Gesamtmasse des Fahrzeugs und damit die bei einem Unfall freigesetzte kinetische Energie reduziert.

Detailansicht verschiedener Stahlsorten in einer modernen Fahrzeugkarosserie

Die Abbildung zeigt eindrücklich den komplexen Aufbau moderner Karosseriestrukturen. Unterschiedliche Farben repräsentieren verschiedene Stahlgüten, von weicheren, energieabsorbierenden Sorten in den Knautschzonen bis zu den extrem harten Legierungen der Sicherheitszelle. Die Energie wird bei einem Crash gezielt durch vordefinierte Lastpfade um die Fahrgastzelle herumgeleitet. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die von Subaru entwickelte ringförmige Verstärkungsrahmen-Technologie. Wie aus einer Information zur passiven Sicherheit bei Subaru hervorgeht, verbindet diese Struktur die A-, B- und C-Säulen über Dach und Boden zu einem schützenden Käfig, der Stosskräfte aus allen Richtungen wirkungsvoll absorbiert und ableitet.

Diese 0,1 Sekunden, also 100 Millisekunden, entscheiden über alles. In dieser Zeitspanne muss die Karosserie den Grossteil der Energie managen, damit die Rückhaltesysteme im Inneren ihre Aufgabe überhaupt erfüllen können.

2005 vs. 2015 vs. 2025: wie hat sich die passive Sicherheit in 20 Jahren entwickelt?

Die Evolution der passiven Sicherheit in den letzten zwei Jahrzehnten ist dramatisch, aber oft unsichtbar. Ein Auto aus dem Jahr 2025 mag äusserlich einem Modell von 2015 ähneln, doch unter dem Blech liegen Welten. Der grösste Fortschritt liegt nicht nur in der Anzahl der Airbags, sondern in der Intelligenz und der Sicherheits-Kompatibilität der Systeme. Während um 2005 der Fokus primär auf dem Schutz der eigenen Insassen bei standardisierten Crashtests lag, hat sich die Philosophie grundlegend gewandelt. Heute werden Fahrzeuge so konstruiert, dass sie bei einem Unfall nicht nur die eigene Fahrgastzelle schützen, sondern auch für den Unfallgegner weniger aggressiv sind.

Ein Meilenstein dieser Entwicklung ist die Anpassung der Euro NCAP-Crashtests. Seit 2020 wird der versetzte Frontalaufprall nicht mehr gegen eine starre, unnachgiebige Barriere gefahren, sondern gegen einen mobilen, verformbaren Wagen. Dieser Test simuliert realistischere Unfallszenarien zwischen zwei Fahrzeugen und bewertet, wie gut ein Auto die Energie aufnimmt, ohne den Unfallgegner übermässig zu belasten. Diese Kompatibilitätsbewertung hat die Hersteller gezwungen, die Lastpfade und die Steifigkeit der Fahrzeugfront völlig neu zu denken. Die Fortschritte sind immens, doch paradoxerweise steigen die Unfallzahlen in der Schweiz teilweise wieder an. Eine aktuelle ASTRA-Statistik zeigt für 2024 einen Anstieg der Verkehrstoten auf den höchsten Wert seit 2015.

Die Anforderungen werden seit der Einführung stetig weiterentwickelt. Beschränkte man sich zu Beginn noch auf die passive Sicherheit, wurden mit der Zeit immer mehr Elemente der aktiven Sicherheit in die Bewertung mit aufgenommen, da neue Systeme, die Insassen und Fussgänger aktiv schützen, immer wichtiger werden.

– VDA (Verband der Automobilindustrie)

Dieser Wandel, den der VDA beschreibt, zeigt, dass die passive Sicherheit heute als das Fundament gesehen wird, auf dem die aktiven Systeme aufbauen. Ein Auto von 2025 hat nicht nur bessere Knautschzonen als ein Modell von 2005, sondern auch eine Sensorik, die Art und Schwere des Unfalls in Millisekunden erfasst und die Airbags in mehreren Stufen zündet – sanft bei leichten, kraftvoll bei schweren Kollisionen. Zudem sind Knie- und Center-Airbags hinzugekommen, die vor 20 Jahren noch selten waren. Der Fortschritt ist also eine Kombination aus besseren Materialien, intelligenterer Steuerung und einer ganzheitlicheren Sicherheitsphilosophie.

Diese Entwicklung unterstreicht, warum das Alter eines Fahrzeugs ein entscheidender Sicherheitsfaktor ist – nicht nur wegen des Verschleisses, sondern vor allem wegen der veralteten Sicherheitsarchitektur.

Wie prüfen Sie vor dem Occasionskauf, ob Airbags, Gurtstraffer und Sicherheitszelle funktionstüchtig sind?

Der Kauf eines Gebrauchtwagens in der Schweiz birgt ein spezifisches, oft unterschätztes Risiko: die unsichtbare Kompromittierung der passiven Sicherheitssysteme. Eine laienhaft durchgeführte Reparatur nach einem Unfall kann die gesamte Überlebenskette unbrauchbar machen, ohne dass es von aussen sichtbar ist. Eine reine Sichtprüfung ist daher absolut unzureichend. Die einzige verlässliche Methode ist eine professionelle Integritätsprüfung, die weit über die gesetzliche Motorfahrzeugkontrolle (MFK) hinausgeht.

Der erste Schritt ist eine gründliche Überprüfung der Fahrzeughistorie. Bestehen Sie auf einem lückenlosen Serviceheft und fragen Sie explizit nach früheren Unfällen. Achten Sie auf verräterische Zeichen wie ungleiche Spaltmasse an Türen und Hauben, Farbunterschiede im Lack oder Schweissnähte im Motorraum und Kofferraum, die nicht original aussehen. Ein entscheidender Indikator ist die SRS-Warnleuchte (Supplemental Restraint System) im Cockpit. Sie muss nach dem Starten des Motors kurz aufleuchten und dann erlöschen. Bleibt sie an oder leuchtet gar nicht erst auf, liegt ein Fehler im Airbag- oder Gurtstraffersystem vor. Manipulatoren können diese Leuchte jedoch deaktivieren.

OBD-II Scanner beim Auslesen des SRS-Steuergeräts in einer Schweizer Werkstatt

Die verlässlichste Methode zur Überprüfung der Elektronik ist das Auslesen des Fehlerspeichers über die OBD-II-Schnittstelle, wie es in jeder professionellen Werkstatt gemacht wird. Hier werden alle vergangenen und aktuellen Fehler der Sicherheitssysteme protokolliert. Für eine umfassende Prüfung empfiehlt sich in der Schweiz der TCS Occasionstest. Für einen Preis, der laut Beobachter zwischen 120 und 190 CHF für einen umfassenden Test liegt, wird das Fahrzeug von Experten auf Herz und Nieren geprüft – inklusive der sicherheitsrelevanten Strukturen.

Ihre Checkliste für die Sicherheitsprüfung beim Occasionskauf

  1. Fahrzeughistorie einfordern: Verlangen Sie ein lückenloses Serviceheft und den letzten MFK-Prüfbericht. Fragen Sie den Verkäufer direkt nach allen bekannten Unfallschäden.
  2. Sichtprüfung der Karosserie: Überprüfen Sie alle Spaltmasse an Türen, Hauben und Kofferraum auf Gleichmässigkeit. Suchen Sie nach Farbunterschieden und Indizien für Nachlackierungen.
  3. Funktionstest der Warnleuchten: Achten Sie darauf, dass die SRS/Airbag-Warnleuchte beim Starten kurz aufleuchtet und dann wieder erlischt.
  4. Zustand der Sicherheitsgurte: Ziehen Sie alle Gurte vollständig heraus und prüfen Sie sie auf Beschädigungen oder Verschleiss. Machen Sie einen Rucktest, um die Blockierfunktion zu prüfen.
  5. Professionelle Inspektion beauftragen: Lassen Sie vor dem Kauf oder unmittelbar danach eine unabhängige Occasion-Kontrolle (z.B. beim TCS) durchführen, inklusive Auslesen des Fehlerspeichers.

Investieren Sie lieber einen kleinen Betrag in eine professionelle Prüfung, als unwissentlich mit einer tickenden Zeitbombe unterwegs zu sein, deren Schutzsysteme im Ernstfall versagen.

Das tödliche Risiko: warum deaktivierte Airbags bei 30% der Gebrauchtfahrzeuge unentdeckt bleiben

Das grösste Sicherheitsrisiko bei einem Gebrauchtwagen ist nicht der abgenutzte Reifen oder der rostende Auspuff, sondern ein manipuliertes oder defektes Rückhaltesystem. Die Zahl von 30% ist eine Schätzung aus Expertenkreisen, die das Problem verdeutlicht: Eine alarmierend hohe Anzahl an Fahrzeugen auf dem Occasionsmarkt könnte mit nicht funktionierenden Airbags oder Gurtstraffern unterwegs sein. Der Grund dafür ist oft eine unsachgemässe Reparatur nach einem Unfall, bei der aus Kostengründen auf den teuren Austausch der ausgelösten Komponenten verzichtet wird. Stattdessen werden Widerstände eingelötet, um dem Steuergerät ein intaktes System vorzugaukeln und die Warnleuchte zu deaktivieren.

Für den Käufer ist dieser Betrug praktisch nicht zu erkennen. Das Problem wird durch die gesetzlichen Prüfintervalle in der Schweiz verschärft. Die erste Motorfahrzeugkontrolle (MFK) ist oft erst nach fünf Jahren fällig, die zweite nach weiteren drei, danach alle zwei Jahre. In diesen langen Zeiträumen kann ein Unfallschaden vertuscht und das Fahrzeug mehrfach weiterverkauft werden, ohne dass der Mangel bei einer offiziellen Prüfung auffällt. Die MFK prüft zwar die Funktion der Warnleuchte, führt aber keine Tiefendiagnose des SRS-Steuergeräts durch.

Diese Lücke im System machen sich unseriöse Verkäufer zunutze. Sie verlassen sich darauf, dass Käufer dem Siegel „frisch ab MFK“ blind vertrauen. Doch genau hier liegt die Gefahr. Der Schweizer „Beobachter“ bringt es auf den Punkt:

‚Ab MFK‘ ist keine Qualitätsangabe. Es bedeutet lediglich, dass das Auto die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt.

– Beobachter

Diese Mindestanforderungen garantieren jedoch nicht, dass ein nach einem Unfall nur zum Schein repariertes Airbagsystem im Ernstfall auch wirklich auslöst. Ein Fahrzeug kann die MFK problemlos bestehen, obwohl seine wichtigste passive Schutzeinrichtung ausser Funktion ist. Der Fahrer wiegt sich in falscher Sicherheit, bis es zum Äussersten kommt und der erwartete Schutz ausbleibt.

Das Bewusstsein für dieses versteckte, aber tödliche Risiko ist der erste und wichtigste Schritt, um sich davor zu schützen und beim Gebrauchtwagenkauf die richtigen Prioritäten zu setzen.

Können ältere Fahrzeuge mit modernen Airbag-Systemen nachgerüstet werden oder ist das unmöglich?

Die Frage, ob man ein älteres, liebgewonnenes Fahrzeug durch die Nachrüstung moderner Airbags sicherer machen kann, ist verständlich. Die kurze und realistische Antwort lautet jedoch: Es ist technisch extrem komplex, wirtschaftlich unsinnig und in der Schweiz rechtlich praktisch unmöglich. Der Grund dafür ist, dass ein Airbag-System keine isolierte Komponente ist. Es ist ein integraler Bestandteil der gesamten Fahrzeugarchitektur, der präzise auf die Steifigkeit der Karosserie, die Position der Sitze und die Kalibrierung der Sensoren abgestimmt ist.

Eine Nachrüstung würde einen tiefgreifenden Eingriff in die Fahrzeugstruktur und -elektronik erfordern. Man müsste nicht nur die Airbag-Module selbst, sondern auch das dazugehörige Steuergerät, die Crash-Sensoren und die Gurtstraffer installieren. All diese Komponenten müssten perfekt aufeinander kalibriert werden, was ohne die Daten und Werkzeuge des Herstellers unmöglich ist. Jede solche technische Änderung müsste zudem vom kantonalen Strassenverkehrsamt abgenommen und in den Fahrzeugausweis eingetragen werden. Angesichts des fehlenden Nachweises, dass das nachgerüstete System im Ernstfall korrekt funktioniert, würde eine solche Typengenehmigung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verweigert.

Anstatt eine unmögliche Nachrüstung in Erwägung zu ziehen, ist es sinnvoller, in andere, realisierbare Sicherheitsverbesserungen für ältere Fahrzeuge zu investieren. Hier gibt es durchaus wirksame Möglichkeiten:

  • Hochwertige Reifen: Die Investition in Premium-Reifen ist die effektivste Einzelmassnahme zur Verbesserung der aktiven Sicherheit. Sie verkürzen den Bremsweg und verbessern die Haftung bei Nässe.
  • Wartung von Fahrwerk und Bremsen: Intakte Stossdämpfer und eine optimal funktionierende Bremsanlage sind entscheidend für die Fahrzeugkontrolle in kritischen Situationen.
  • Nachrüstung von Fahrerassistenzsystemen: Wo technisch möglich, kann die Nachrüstung eines Kollisionswarners oder eines Totwinkel-Assistenten die aktive Sicherheit erhöhen und Unfälle von vornherein vermeiden helfen.
  • Fahrsicherheitstrainings: Ein Kurs, beispielsweise beim TCS, schult die eigene Reaktion in Gefahrensituationen und ist oft wirksamer als jede technische Nachrüstung.

Der sicherste Weg bleibt jedoch unweigerlich der Umstieg auf ein moderneres Fahrzeug, dessen gesamte Sicherheitsarchitektur von Grund auf als integriertes System konzipiert wurde.

Warum nur die Kombination aus Airbag, Gurt und Knautschzone 90% Überlebenschance bei 70 km/h garantiert?

Wir haben die physikalische Notwendigkeit der „Überlebenskette“ bereits etabliert. Doch wie wird sichergestellt, dass diese Kette in der Realität der unzähligen möglichen Unfallszenarien auch wirklich hält? Die Antwort liegt in der ständigen Weiterentwicklung und Verschärfung der Testverfahren, allen voran durch das unabhängige Konsortium Euro NCAP. Ein Fahrzeug erhält heute nur dann eine hohe Sternebewertung, wenn das Zusammenspiel der passiven Sicherheitssysteme unter realistischen Bedingungen nachgewiesen wird.

Ein Schlüsselelement ist hier der bereits erwähnte Kompatibilitäts-Crashtest. Dieser Test simuliert einen typischen Unfall auf einer Schweizer Landstrasse: zwei Fahrzeuge treffen versetzt mit jeweils hoher Geschwindigkeit aufeinander. Hier wird nicht nur bewertet, wie gut die Insassen des Testfahrzeugs geschützt sind, sondern auch, wie „aggressiv“ die Fahrzeugfront auf den Unfallgegner wirkt. Ein Auto, dessen Front zu steif ist und sich kaum verformt, mag seine eigenen Insassen gut schützen, überträgt aber brutale Kräfte auf das andere Fahrzeug – mit verheerenden Folgen, insbesondere wenn es sich um einen kleineren Wagen handelt.

Moderne Fahrzeuge sind daher so konzipiert, dass ihre Knautschzonen und Lastpfade mit denen anderer Fahrzeuge „kompatibel“ sind, um die Energie für beide Seiten bestmöglich abzubauen. Diese ganzheitliche Betrachtung ist ein Quantensprung gegenüber älteren Sicherheitskonzepten. Das perfekte Zusammenspiel von nachgiebiger Knautschzone, steifer Fahrgastzelle und den präzise getakteten Rückhaltesystemen wird in diesen Tests bis ins kleinste Detail analysiert. Nur wenn die Dummys im Inneren minimale Belastungswerte aufweisen, gilt die Prüfung als bestanden.

Diese rigorosen Tests sind der Grund, warum Sie sich auf die Schutzwirkung eines modernen, hoch bewerteten Fahrzeugs verlassen können – weil seine Überlebenskette nicht nur in der Theorie existiert, sondern ihre Belastbarkeit im Labor bewiesen hat.

Das Wichtigste in Kürze

  • Passive Sicherheit ist eine physikalische Kaskade: Die Knautschzone absorbiert, der Gurt fixiert, der Airbag dämpft. Nur im Zusammenspiel funktioniert der Schutz.
  • Beim Occasionskauf in der Schweiz ist eine unabhängige Integritätsprüfung (z.B. TCS-Test) unerlässlich, da der Vermerk „ab MFK“ keine Garantie für funktionierende Sicherheitssysteme ist.
  • Die stetige Weiterentwicklung (z.B. Euro NCAP Kompatibilitätstests) macht moderne Fahrzeuge fundamental sicherer; eine Nachrüstung alter Autos ist praktisch unmöglich und nicht empfehlenswert.

Welche Schutzsysteme im Ernstfall wirklich entscheidend sind und worauf Schweizer Familien beim Autokauf achten müssen

Nachdem wir die technischen Details der passiven Sicherheit beleuchtet haben, lautet die entscheidende Frage für Sie als Autofahrer und insbesondere als Familie in der Schweiz: Worauf muss ich beim nächsten Autokauf konkret achten? Die Antwort liegt in einer bewussten Priorisierung. Lassen Sie sich nicht von Gadgets und Design blenden, sondern konzentrieren Sie sich auf die nachgewiesene strukturelle Sicherheit des Fahrzeugs. Das Euro NCAP-Rating ist hierfür der wichtigste, unabhängige Massstab.

Achten Sie jedoch nicht nur auf die Gesamt-Sternebewertung, sondern auf die Details der einzelnen Kategorien. Für Familien sind hier vor allem zwei Bereiche von überragender Bedeutung: der Insassenschutz für Erwachsene und die Kindersicherheit. Ein hoher Wert beim Insassenschutz zeigt, dass die Karosserie und die Rückhaltesysteme bei Frontal- und Seitenaufprällen optimal funktionieren. Die Kategorie Kindersicherheit bewertet spezifisch, wie gut standardisierte Kindersitze im Fahrzeug befestigt werden können (ISOFIX) und welchen Schutz sie bei einem Crash bieten.

Gerade im urbanen und suburbanen Umfeld der Schweiz gewinnt auch der Fussgängerschutz an Bedeutung. Fahrzeuge mit einer gut bewerteten, „weichen“ Frontpartie und einem Notbremsassistenten, der auch Fussgänger erkennt, tragen massgeblich zur Sicherheit ausserhalb des eigenen Autos bei. Die Notwendigkeit hierfür ist leider real: Allein 2023 wurden laut BFU-Statistik in der Schweiz 522 Fussgänger schwer verletzt und 46 getötet. Die folgende Tabelle, basierend auf den Bewertungskategorien von Euro NCAP, gibt Ihnen eine klare Orientierung:

Euro NCAP Bewertungskategorien für Familiensicherheit
Bewertungskategorie Fokus Relevanz für Familien
Insassenschutz Schutz bei Front- und Seitencrash Kritisch für alle Sitzplätze
Kindersicherheit ISOFIX, Kindersitze Essentiell für Familien
Fussgängerschutz Externe Sicherheit Wichtig in Wohngebieten
Assistenzsysteme Aktive Sicherheit und Unfallvermeidung Präventiver Schutz

Ihre finale Kaufentscheidung sollte auf einer ganzheitlichen Betrachtung dieser Schutzfaktoren basieren, mit einem klaren Fokus auf die passive Grundsicherheit.

Für Ihre Familie bedeutet das: Priorisieren Sie ein Fahrzeug mit exzellenten Werten beim Insassen- und Kinderschutz. Ein solches Auto hat bewiesen, dass seine physikalische Überlebenskette im Ernstfall funktioniert – und das ist die einzige Garantie, die wirklich zählt, wenn alles andere versagt.

Geschrieben von Stefan Brunner, Stefan Brunner ist Sicherheitsingenieur und zertifizierter Euro NCAP Crash-Analyst mit 16 Jahren Erfahrung in der Fahrzeugsicherheitsentwicklung. Er arbeitete für einen führenden Automobilzulieferer in der Schweiz und ist heute unabhängiger Gutachter für Fahrzeugsicherheit und ADAS-Systeme.